Zukunft Mittelstand

Zurück in die Zukunft. Ein Weckruf aus der Wirtschaft

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AdobeStock, frank peters

Zukunft Mittelstand – auch ein Bildungsthema

14. Oktober 2025

Wie kann Entrepreneurship Education dem Fachkräftemangel entgegenwirken?

Das Bild des Unternehmers in Deutschland ist nicht gut. 2024 untersuchte der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft (BVMW) 39 »Tatort«-Folgen der vergangenen sechs Jahre und fand als häufigste Tätergruppe Unternehmer, Manager und Selbstständige. Der BVMW-Vorsitzende Christoph Ahlhaus kritisierte in der ZEIT: »Im ›Tatort‹ und auch anderswo wird ein Zerrbild von Unternehmern gezeichnet, in dem Korruption, Egoismus, Geldgier und die permanente Suche nach dem eigenen Vorteil dominieren.«1https://www.zeit.de/2024/11/christoph-ahlhaus-tatort-unternehmer-mittelstand-moerder Die BVMW-Untersuchung bestätige damit eine 2018-er Studie von Röttgerkamp (Netzsieger.de) bei Statista.2https://de-statista-com.ezproxy.hwr-berlin.de/statistik/daten/studie/715288/umfrage/moerder-in-den-tatort-krimis-nach-berufsgruppen/

Neben der Bundeswehr-, der Klima- und der Digitalisierungskrise gibt es einen weiteren Brandherd, über den erst in jüngster Zeit etwas häufiger geredet wird: die Bildungskrise. Schnell werden in diesem Zusammenhang Lehrermangel und die Digitalisierung thematisiert, doch gibt es eine viel grundlegendere Problematik, denn durch die gesellschaftliche Skepsis, die in großen Teilen der Öffentlichkeit dem Unternehmer entgegengebracht wird, gerät dieser zentrale Akteur zur Bewältigung von Krisen aus dem Blick und die wirtschaftliche Wertschöpfung wird nicht als gemeinschaftliche Gesellschaftsaufgabe wahrgenommen.

Das schlechte Bild der Unternehmer ist unter anderem darin begründet, dass die unterschiedlichen Rollen von Unternehmer und Kapitalgeber im deutschen Bildungssystem (wie auch in Teilen der Wirtschaftsforschung) weitgehend unbekannt sind. In der angelsächsischen Welt ist dies besser gelöst; ein Verdienst der österreichischen Schule der Wirtschaftswissenschaften um den New Yorker Ökonomen Israel Kirzner. Der Entrepreneur als Unternehmensgründer ist ein kreativer Problemlöser. Davon getrennt zu sehen ist der Kapitalist, dessen Funktion in der Marktwirtschaft das Zurverfügungstellen von Kapital ist. Was die mittelständische Wirtschaft 2025 braucht, sind mitdenkende Problemlöser, die digitale Kompetenz mit dem Verständnis für Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit kombinieren können – ob über eine Ausbildung oder ein Studium.

Die EU-Kommission hat diese kreative Rolle des Entrepreneurs schon früh erkannt und in der Lissabon-Agenda Entrepreneurship zu einem der wichtigsten Bildungsziele in Europa erklärt. Aber obwohl in den letzten 20 Jahren mehr als 100 Lehrstühle für Entrepreneurship an deutschen Hochschulen entstanden sind, gab es an deutschen Schulen keinen Durchbruch der Entrepreneurship-Education. In der 2016-er Studie der Europäischen Kommission3Eurydice-Studie 2016 (https://publications.europa.eu/resource/cellar/74a7d356-dc53-11e5-8fea-01aa75ed71a1.0001.02/DOC_1) zu Entrepreneurship-Lehre an europäischen Schulen fällt vor allem ein Land auf, das keine Daten geliefert hat: Deutschland.

Mit der Differenzierung des Entrepreneurs vom Kapitalisten und der Einbeziehung der sozialen, ökologischen und kulturellen Sphäre, wie von der EU in der Entrepreneurship-Definition im Rahmen des EntreComp-Projektes vorgeschlagen4https://joint-research-centre.ec.europa.eu/entrecomp-entrepreneurship-competence-framework_en, wird ein Weg aufgezeichnet, um an deutschen Schulen gezielt unternehmerisches Verständnis zu fördern und damit auch Tätigkeiten im Mittelstand als Berufsperspektive darzustellen. Einzelne Bundesländer wie Schleswig-Holstein und Niedersachsen, sowie Initiativen wie ThEx Young Entrepreneurs aus Thüringen5https://www.unternehmerische-bildung-th.de/wp-content/uploads/sites/10/2025/02/unternehmerische-bildung-in-thueringen-staerken-eine-politische-aufgabe.pdf und IMMS aus Berlin6https://www.ihk.de/berlin/imms/ sind erste positive Beispiele.

Im Entrepreneurship-Unterricht an Schulen geht es darum, Eigeninitiative und Selbstwirksamkeit der Schüler und Schülerinnen zu stärken. Nicht die Lehrkraft gibt das Thema für den Unterricht vor, sondern die Lernenden suchen sich ihre »challenges«. Genauso wie im richtigen Unternehmerleben, muss sich der Entrepreneur selbst den Bereich suchen, für den er oder sie brennt. Das Network for Teaching Entrepreneurship (NFTE Deutschland e. V.) hat genau diese individuelle Entfaltung des Engagements in den Mittelpunkt des Unterrichts gerückt. Es bildet die Lehrkräfte im projektorientierten Entrepreneurship-Unterricht aus. Jeder Schüler und jede Schülerin wird durch wertschätzendes Erkunden seiner Interessen durch die NFTE-Lehrkraft dabei unterstützt, sein Projekt zu finden. So entstehen Gründungsideen in den Bereich Nachhaltigkeit, Handwerk und Digitales. Ein Beispiel ist das Osnabrücker Informationsportal www.osna-live.de, das vom NFTE-Schüler Henning Hünerbein konzipiert und realisiert wurde.

Ziel ist eine Bildungskultur, die unternehmerisches Denken und Handeln fördert, die Experimentieren, Nachhaltigkeit und wirtschaftliches Gespür miteinander verbindet. Dies gelingt zum einen durch den politischen Willen, die Ausbildungscurricula der Lehramtsstudierenden zu überarbeiten (was z. B. bereits in Niedersachsen und Schleswig-Holstein angegangen wird) und an die veränderten Rahmenbedingungen anzupassen. Zum anderen gelingt es durch eine differenzierte Betrachtung des Begriffs Entrepreneurship. Unternehmerisches Denken und Handeln kann als Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Berufsorientierung verstanden werden – und nicht nur als Unternehmensgründung. In diesem Kontext kann es das Ziel sein, nicht nur politisch mündige Bürger*innen »ins Leben zu entlassen«, sondern auch Bürger*innen, die an der sie umgebenden Gesellschaft wirtschaftlich teilhaben können. Junge Menschen, die nicht nur auf abhängige Arbeitsverhältnisse schauen, sondern selbstständig sind. Der Kritik von zu viel Praxisrelevanz durch Entrepreneurship Education ist entgegenzuhalten, dass durch eine von einem entrepreneurial mindset geprägte Bildung die Schüler*innen in die Lage versetzt, ein höheres Abstraktionsniveau zu erreichen, weil durch Entrepreneurship Education das Reflexionsvermögen gesteigert wird.7Vgl. Weigel, J. / Frese, M. (2018): Das Konzept Eigeninitiative, Campus Verlag, S. 10.

Eine beeindruckende Geschichte ist die Entwicklung der Wormser Schülerin Mona Wingerter, die von sich selbst sagt, dass sie vor dem NFTE Unterricht schüchtern und introvertiert war und über wenig Selbstvertrauen verfügte. Schule machte ihr keinen Spaß. Ihre Wirtschafts- und Sozialkundelehrerin machte sie darauf aufmerksam, dass sie einen NFTE-Kurs anbiete und dort, so Wingerter, war alles anders: »Man hatte fast Einzelunterricht, die Lehrerin ging speziell auf jeden einzelnen ein, und die Stunden rasten nur so dahin. Ich kann mich noch erinnern, dass wir z. B. losgingen, um Materialien für Sandwiches zu kaufen, um diese dann herzustellen. Anhand der Ausgaben für die Materialien haben wir dann errechnet, für wie viel wir sie verkaufen mussten, um Gewinn zu machen. Die Arbeit an meiner eigenen Geschäftsidee »BOOOM« hat mir viel Spaß gemacht: Ich entwarf individuell designte Shirts und Tops für meine Kunden. Dazu hatte ich einen Fragebogen entwickelt, in dem die Kunden ihre Lieblingsfarbe, Lieblingsband, Lieblingsschuhe, wichtigsten Hobbys und vieles mehr eingeben konnten. Aus diesen Zutaten erstellte ich am Computer ein Gesamtmotiv und bedruckte damit ein einzigartiges Shirt. Mein Logo habe ich mit einem Freund entwickelt, der sich mit Grafikprogrammen auskannte. Meine Idee kam zu meiner großen Überraschung so gut an, dass ich nicht nur in meiner Schule in Worms den 1. Platz gewann, sondern schließlich sogar Bundessiegerin wurde! Ich gewann einen Geldpreis – und noch viel toller: eine Reise nach New York zur NFTE-Gala, bei der ich NFTE-Schüler aus aller Welt traf.« In 2025 hat Mona Wingerter ihr eigenes Grafik-Unternehmen (https:// monawingerter.de) gegründet.

Selbst wenn Lehrkräfte dem Thema Entrepreneurship offen gegenüberstehen, fehlt es oftmals an Zeit im Unterricht bzw. an Zeit, sich in die Möglichkeiten wie Entrepreneurship vermittelt werden kann, einzuarbeiten. Teilweise liegt die Verweigerung, das Thema Entrepreneurship in den Unterricht einzubeziehen, schlicht in der Unkenntnis der Pädagogen über die emanzipatorische Komponente des Entrepreneurship. Hinzu kommen Vorurteile gegenüber der Wirtschaft und die Annahme, dem Inhalt nicht gewachsen zu sein. Auch kann die Umsetzung des Entrepreneurship Education auch aufgrund fehlender Unterstützung innerhalb der Schule (z. B. durch die Schulleitung) scheitern. So ist es nicht verwunderlich, dass das Stattfinden eines den Eigentümerunternehmer thematisierenden Unterrichts oftmals besonders von einzelnen engagierten und überzeugten Lehrkräften abhängt.

André Hardekopf ist Lehrer im Themenfeld »Arbeit, Wirtschaft, Technik« (AWT) an der integrierten Gesamtschule Linden in Hannover und seit 10 Jahren überzeugter NFTE-Pädagoge. Er berichtet von der Nachhaltigkeit des vermittelten Stoffes, wenn dieser den Schülern entlang ihrer eigenen Projekte und als plausible Vorbereitung für den Berufseinstieg vermittelt wird: »Bei NFTE lernen die Schülerinnen und Schüler ohne dass sie es merken. Durch das »Selbst Organisierte Lernen (SOL)« mit dem Ziel, das eigene Handlungsprodukt zu vermarken, entsteht bei vielen Lernenden eine intrinsische Motivation, die ich so bei noch keinem anderen Fach oder Projekt erlebt habe«.

Gerade im Bildungskontext ist es wichtig, Entrepreneurship nicht allein mit Unternehmensgründung gleichzusetzen, sondern umfassender als innovatives Problemlösen mit wirtschaftlichen Bezugspunkten zu verstehen. Kunst und Kultur sowie die Lebens- und Ingenieurwissenschaften zählen, wie die Ökonomie, zum interdisziplinären Konzept der Entrepreneurship Education. Sie hat nicht nur den Auftrag, Wissen über Entrepreneurship und die Fähigkeit zur Anwendung des Gelernten in immer neuen Situationen zu vermitteln, sondern sie »bildet die unternehmerischen Einstellungen und Handlungen aus, die wir als Unternehmergeist oder Entrepreneurial Mindset bezeichnen«8Ripsas, S. / Gunnoltz, J. (2020): Identität, Beziehung, Kontext – Auswirkungen einer sozialkonstruktionistischen Perspektive auf die Gestaltung der Entrepreneurship Education, in: Katharina Hölzle, Heike Surrey, Victor Tiberius (Hg.), Perspektiven des Entrepreneurship, Schäffer-Poeschel Verlag, S. 37.. Es ist genau dieser Mindset, der eine Veränderung der Didaktik in Schule und ein besseres Verständnis von Marktprozessen benötigt. Hierfür ist es nicht zwingend notwendig, neue Bildungsformate zu erfinden. Die Reformpädagogik und die jüngere Bildungsforschung bieten dafür zahlreiche Ansätze.

Über NFTE:

NFTE bildet als gemeinnütziger Verein seit 2004 bundesweit Lehrkräfte in Entrepreneurship Education aus und bringt unternehmerisches Denken in die Schulen. NFTE ist Mitglied im Initiativkreis »Unternehmergeist in die Schule« des BMWE, von der phineo AG mit dem »Es wirkt!«-Siegel ausgezeichnet und Mitglied des Forum Werteorientierung in der Weiterbildung. Aktuell ist NFTE in 13 Bundesländern und kooperiert zudem international mit Partnerorganisationen u. a. in Österreich, den USA, der Schweiz und Israel.

Ein Beitrag von

Autor / Autorin

14. März 2024
Sven Ripsas
Professur für Entrepreneurship, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin

Sven Ripsas

14. Oktober 2025
Guido Neumann
Geschäftsführendes Mitglied des Vorstands, NFTE Deutschland e. V.

Partner

14. Oktober 2025

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