Angeblich gibt es für den Kauf von Immobilien drei wichtige Punkte: Lage, Lage und Lage. Für Wirtschaftsstandorte hofft man, dass es doch komplexer sei. In Deutschland gibt es 294 heterogene Landkreise und 106 kreisfreie Städte (darunter Berlin, Hamburg und Bremen), alle sind einzigartig.
In Bayern sieht es bei den 71 Landkreisen außerhalb von Metropolregionen (München sowie Nürnberg) sehr unterschiedlich aus: Von eher touristisch geprägten Regionen an den Alpen nahe Österreich über Landkreise in der Fläche bis hin zu Grenzlagen bei Tschechien.
Mittelstand – deutschlandweit und am Beispiel des Ostallgäus
In Deutschland sind 99% aller Unternehmen KMU (inklusive Familienunternehmen), sie boten laut statista im Jahr 2022 genau 55 % aller Arbeitsplätze. Destatis kommuniziert für das Jahr 2023, dass 3,1 Mio. KMU genau 42 % Bruttowertschöpfung generieren. Die meisten dieser Unternehmen liegen eher im ländlichen Raum.
Im Landkreis Ostallgäu gibt es ein NASDAQ-notiertes Unternehmen wie AGCO / Fendt in der Kreisstadt Marktoberdorf (5.000 v. a. in der Traktoren- Produktion und Fertigung) oder das Nutrition-Werk Biessenhofen (700), das zur weltweiten Nestlé-Gruppe gehört, oder »hidden champions« wie DMG Mori (1.400) in Pfronten. Das bayernweit agierende Unternehmen Georg Jos. Kaes GmbH ist mit 2.200 Angestellten der zweitgrößte Arbeitgeber des Landkreises und führt aus Mauerstetten heraus die V-Märkte (Lebensmittel und Baumärkte). Fast jeder Zehnte verdient im Tourismus seinen Lebensunterhalt. Damit hat sich im Ausgang der Covid-Pandemie dieser Wirtschaftszweig zwar erholt, ist aber vom Fachkräftemangel am meisten gebeutelt. Denn im Ostallgäu herrscht quasi Vollbeschäftigung (2024 Arbeitslosenquote 2,5%), trotzdem die Rezession und die Inflationsrate sowie weltweite Logistikprobleme auch diesen Landkreis belastet haben.
Stetig aufstrebender Landkreis
Das Ostallgäu belegte im Jahr 2020 noch den 54. Platz im IW-Regionalranking, der ehrenamtliche Wirtschaftsbeirat des Landkreises Ostallgäu hat sich in seinem Leitbild zum Ziel gesetzt, mit Impulsen in die Politik und Wirtschaft diesen Platz noch deutlich zu steigern. Das komplexe Miteinander von den – von außen nicht nachvollziehbaren Unterschieden – von Ostallgäu, Oberallgäu, Unterallgäu und dem Landstrich Westallgäu, der sich bis hin zum Bodensee zieht, wird mit unterschiedlichem Erfolg gepflegt. Ohne das Westallgäu findet die Region durch die im Jahr 2010 gegründeten Allgäu GmbH eine Klammer. Dieses Regionalinstrument versucht konsequent, größere Impulse fürs gesamte Allgäu zu schaffen, und eine Binnenidentität mit dem »blauen Allgäu-Würfel« zu kreieren. Auch die kreisfreien Städte Kaufbeuren, Memmingen und Kempten sind im Aufsichtsrat aktiv. Die Allgäu GmbH wird von 17 Gesellschaftern getragen. Themen wie Konversion von Bundeswehrstandorten, Fachkräfte, Digitalisierung, Start-up-Szene, ÖPNV, Kulturmarketing und eben der übergreifende Tourismus werden aus der Struktur heraus gesteuert, wo das Miteinander von den benachbarten Landkreisen in politischem Zusammenarbeiten eine Brücke braucht.
Kennzeichen der regionalen Wirtschaft – von Milchwirtschaft über Handwerk bis hin zu hidden champions
Das Ostallgäu hat im verarbeitenden Gewerbe den Schwerpunkt Maschinenbau. Im Bezirk Schwaben nimmt das Ostallgäu im Export den 1. Platz ein. Platz drei hat das Handwerk inne, traditionell wird auch in der Landwirtschaft im Haupterwerb (56%) die Lebensmittelversorgung generiert. Die bekannte Kulturlandschaft wird durch die Milchwirtschaft geprägt – das Allgäuer Braunvieh ist ein beliebtes Motiv. Doch die Landwirtschaft ist neben Schweine- und Hühnerhaltung, Eierproduktion, Imkerei und Pferdebetrieben (Zucht und Sport) mit Getreideanbau und Bio-Produkten im Gemüse- und Obstbereich deutlich heterogener.
Große Sorgen bereitet allen der rasch vonstattengehende Klimawandel. Im Tourismusforum 2023 des Landkreises bot der damalige Klimamanager des Landkreises den Ausblick, dass bereits im Jahr 2033 das Wetter wie am Lago di Como sein würde. Vereinfacht gesagt, wenn der Golfstrom und der El-Niño-Effekt so bleiben, sowie die europäischen und weltweiten Bemühungen zur Verringerung des Klimawandels nicht ausreichen werden, ändert sich das Klima dauerhaft. Das Allgäuer Szenario ist bereits eingetroffen, das Frühjahr und der Frühsommer 2025 gehören zu den heißesten und trockensten überhaupt. Jedoch war die Skisaison 2024/2025 deutlich besser als die vorigen Jahre, wo die Gäste und Einheimischen Wanderschuhe brauchten. Hoch besorgt wird vor Ort darauf reagiert. Bei dem vorher genannten Tourismusforum wurde im Binnenverhältnis der Branchenakteure dazu aufgerufen, wieder so eng wie während der Pandemie zusammenzuarbeiten.
Denn wenn die Wälder nicht mehr von Fichten dominiert sein werden, weil diese Nadelgehölze die Hitze nicht vertragen, die Streuwiesen zurückgehen, das eher subtropische Klima der letzten Jahre die klassische Milchwirtschaft samt Bewirtschaftung der Wiesen sowie den Ackerbau verändern werden, wird sich auch das allseits bekannte Gesicht des Allgäus anpassen. Die aktuelle Baukultur nimmt den Wandel auf. Industrielle Gebäude arbeiten verstärkt mit Grünflächen auf Dächern, wenn diese überhaupt als Flachdach gebaut werden, denn im Winter können die Schneelasten gewaltig werden. Parkplätze werden zunehmend nicht mehr mit Asphalt gebaut, sondern mit wasserdurchlässigen Pflasterelementen hergestellt und zusätzliche Bäume gepflanzt.
Der Ausbau von E-Lade-Stationen für Fahrzeuge, zum Beispiel bei Supermärkten, schreitet voran. Poolfahrzeug-Lösungen von kleinen Betrieben stellen kleine Weichen für eine Anpassung der individuellen Mobilität. Der Landkreis kämpft seit Langem darum, bei der Deutschen Bahn auch in den Genuss von Trendprojekten zu kommen. Fassungslos sehen langjährige Abgeordnete, egal ob im Bund oder im Land, ihre jahrzehntelangen Aktivitäten für die Elektrifizierung von Eisenbahnstrecken sowie den zweigleisigen Ausbau von hochfrequentierten Strecken als zumeist unerhört im Planungshorizont an. Gelungen ist mit einem Jahrzehnt Verspätung der elektrifizierte Anschluss Zürich – München via Memmingen.
Einheimische fragen sich, warum bestehende Bahntrassen wie von Marktoberdorf nach Lechbruck (Ostallgäu) oder ins Weitnauer Tal (Oberallgäu) abgebaut wurden. Der hochbeliebte Radtourismus profiziert davon, denn diese ehemaligen Bahnstrecken wurden in Radwege umgewandelt. Der ÖPNV, der auch für den Tourismus – vor allem im Süden des Landkreises, wo die Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau sowie das Festspielhaus Neuschwanstein weltweit Gäste anziehen – wichtig ist, wird in langwierigen Prozessen weiterentwickelt. Insellösungen wie die Übernahme des Flexibus in der Kreisstadt Marktoberdorf, bringen inzwischen Verbesserungen. Eine vertiefte Information für jährlich drei Millionen Gäste und Einheimische zur Bussystematik von 47 Linien plus Anruf-Sammel- Taxis, welche die Bahnlinie Füssen – München / Augsburg ergänzen, wird trotz aller Bemühungen noch nicht vollständig wahrgenommen. Das Deutschland-Ticket hat vieles vereinfacht, ein Zuwachs von fünf bis sieben Prozent von Fahrgästen, je nach Quelle, die Bahn und Bus im Allgäu nutzen, wird berichtet. Zu guter Letzt wird der aus der Konversion der Bundeswehr (1959 – 2001 Jagdbombergeschwader 34 »Allgäu«) stammende, seit 2004 zivile, Allgäu Airport in Memminger Berg gut angenommen.
Der Landkreis, der sich vom Alpenkamm mit Moränenlandschaft bis kurz vor der Stadt Buchloe erstreckt, entwickelt sich strategisch weiter. Man profitiert von »Greater Munich«, viele pendeln nach München (1.685) und Augsburg (806) zum Arbeiten aus. Die Mehrheit pendelt zum Arbeiten innerhalb des Allgäus, Top 3 sind Kempten, Kaufbeuren und das Unterallgäu. Wie in vielen prosperierenden, familienfreundlichen Regionen wird durch mangelnden Wohnraum der Zuzug von Fachkräften gebremst. Hochschulen in Kempten, Memmingen und Kaufbeuren haben inzwischen dazu geführt, dass neben den klassischen Ausbildungsangeboten wieder mehr junge Einheimische in der Region zur Berufsbildung verbleiben. Die Trendwende ist geschafft, die Bevölkerung wächst stetig und sichert mit inzwischen 147.500 Einwohnern die Zukunft des Landkreises Ostallgäu.
Quellen
Letzter Abruf der Links 23.07.2025
- Kleine und mittlere Unternehmen – Statistisches Bundesamt, https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Unternehmen/Kleine-Unternehmen-Mittlere-Unternehmen/_inhalt.html
- Mittelstand als Rückgrat der Wirtschaft – Übersichtseite auf de.statista.com – Statistisches Bundesamt, https://de.statista.com/themen/3996/mittelstand-indeutschland/# topicOverview
- IW-Regionalranking: Welche Regionen in Deutschland prosperieren – Institut der deutschen Wirtschaft (IW), https://www.iwkoeln.de/presse/interaktive-grafiken/ vanessa-rebecca-huennemeyer-hanno-kempermann-welche-regionen-indeutschland- prosperieren.html, zitiert als: Hünnemeyer, Vanessa / Kempermann, Hanno, 2020, Ländliche Regionen in Deutschland – Ergebnisse des IW-Regionalrankings 2020, in: IW-Trends, Jg. 47, S. 65-88.
- Landkreis Ostallgäu (Redaktion Däubler, Peter / Neukam, Andreas): 2024 in Zahlen. mach! Das Statistikheft zum Wirtschaftsstandort Ostallgäu. Marktoberdorf, 2024, https://www.wirtschaft-ostallgaeu.de/fileadmin/oalgewerbe/ Standorjournal_mach/LRA_OAL-Statistikheft_WEB_2024.pdf
- Landkreis Ostallgäu (Redaktion Däubler, Peter / Neukam, Andreas): 2025 in Zahlen. mach! Das Statistikheft zum Wirtschaftsstandort Ostallgäu. Marktoberdorf, 2025, https://www.wirtschaft-ostallgaeu.de/fileadmin/oalgewerbe/ Standorjournal_mach/LRA_OAL-Statistikheft_WEB_2025.pdf
- Unternehmensprofil Allgäu GmbH – Gesellschaft für Standort und Tourismus – B2B, https://b2b.allgaeu.de/ueber-uns/unternehmensprofil
- Das Deutschland-Ticket Allgäu – mona GmbH, https://www.mona-allgaeu.de/dasdeutschland- ticket
- Deutschlandticket: Wie entwickeln sich Bus und Bahn im Allgäu weiter?, https://www.allgaeuer-zeitung.de/allgaeu/deutschland-ticket-im-allgaeu-wie-entwickelnsich- bus-und-bahn-im-allgaeu-weiter-103546643
- ZDF heute: Statistik-Amt: Mehr Fahrgäste in Bussen und Bahnen unterwegs, https://www.zdfheute.de/panorama/bahn-verkehr-statistik-fahrgaeste-deutschlandticket-100.html
- Greater Munich: München | IKM, https://deutsche-metropolregionen.org/metropolregion/muenchen/ und der Verein Metropolregion München - Mehr Region, mehr Möglichkeiten, https://www.metropolregion-muenchen.eu/
- Jahresbericht Landratsamt Ostallgäu: Wirtschaftsförderung, https://jahresbericht.ostallgaeu.de/wirtschaftsfoerderung0
- Penderlatlas Landkreis Ostallgäu, https://pendleratlas.de/bayern/landkreis-ostallgaeu
- Bayerisches Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr, Planungen für Bahn-Elektrifizierung im Allgäu schreiten voran, Pressemitteilung vom 27.09.2023, https://www.stmb.bayern.de/med/pressemitteilungen/pressearchiv/ 2023/172/index.php













