Ich bin seit Jahrzehnten im Microchiphandel tätig und bin ebenso lange mit dem Thema »Zölle als politisches oder Abwehr-Instrument« vertraut. Zollmaßnahmen sind keine Erfindung der US-Regierung. Schon in den 1990er Jahren versuchte sich die EU mit sogenannten »Anti-Dumping-Zöllen« gegen den ruinösen Preiswettbewerb japanischer Hersteller zu wehren.
Auch aktuell erhebt die EU Zölle für Nicht-EU-Produktionen von 10 % auf PKW’s, bis 22 % auf Vans/Pick-Up’s, 25 % auf Stahl und Aluminium über eine gewisse Quote hinaus und sogenannte »Anti-Subsidy-Maßnahmen« z. B. bei chinesischen E-PKWs 20–38 % Importzoll.
Die aktuellen Zollforderungen der USA von bis zu 145 % in der Spitze für China-Produkte sind, von der Höhe her, enorm. Mit 57 Ländern/Regionen hat USA Stand Ende Juni 2025 noch keine Einigung erzielt. Und um Einigungen, also Deals, geht es. Zollverhandlungen bauen enormen Druck auf.
Im Mai 2025 ging der Export von seltenen Erden aus China um 75 % zurück. Die Anträge auf Exportgenehmigung häufen sich zu Tausenden. Bei Autoherstellern in USA, Japan und Deutschland standen bereits die Bänder für bestimmte Fahrzeuge still. Diese seltenen Erden sind Bestandteil von z. B. Dauermagneten, die in Marschflugkörpern, Drohnen ebenso unersetzlich sind wie in Festplatten, Handys, Drehzahlmessern. Im chinesischen Mofcom (Ministry of Commerce) soll die Abteilung für Exportgenehmigungen seltener Erden und bestimmter Rohstoffe nur 60 Mitarbeiter haben, die Öffnungszeiten sind sechs Stunden pro Tag.
Sind Zölle und Exportkontrollen (wieder) zu einem weltpolitischen Instrument geworden?
1. Rückblick: Zölle als Druckmittel – EU gegen Japan in den 1990ern
In den 1990er Jahren verhängte die EU hohe Strafzölle auf japanische Halbleiter aufgrund von Dumpingvorwürfen. Diese Maßnahme zielte darauf ab, den europäischen Herstellern Schutz vor marktverzerrendem Preisverhalten (Dumping) zu bieten. Der Konflikt löste Spannungen mit Japan aus, zeitweilig beeinträchtigte er globale Lieferketten. Langfristig erschütterte er allerdings das Vertrauen – und demonstrierte, dass Zölle nicht nur fiskalische, sondern auch politische Instrumente sind. Bestimmte Memorychips waren z. B. von der EU mit 94 % Einfuhrzoll belegt, Videorekorder mit 20–50 %. Dieser historische Präzedenzfall zeigt: Zölle können gezielt als wirtschaftliche Druckmittel eingesetzt werden – um politische Forderungen zu unterstützen, wie z. B. fairere Handelsbedingungen oder den Schutz eigener Industrien.
2. China heute: Seltene Erden als politisches Faustpfand
2.1. Monopolstellung und strategische Kontrolle
China dominiert mit 60–95 % sowohl das Mining als auch die Raffinierung seltener Erden (z. B. Neodym, Dysprosium). Es implementierte Exportbeschränkungen für 7 zusätzliche REEs und Magnete im April 2025. Diese sind: Samarium, Gadolinium, Terbium, Dysprosium, Lutetium, Scandium, Ytrium. Diese Maßnahmen erlauben es, die Lieferung mittels Lizenzvergabe gezielt zu lenken oder zu verzögern – als Reaktion auf US-Zölle und geopolitische Spannungen.
2.2. Politisch-strategischer Hebel
China nutzt rare earths als Geopolitik-Instrument:
- Sticks: Lieferstopps oder -verzögerungen gegenüber Konkurrenten (USA)
- Carrots: Technologietransfer und Partnerschaften wie mit Malaysia Bereits 2010 setzte China diese Waffe gegen Japan ein. Heute wiederholt sich dieses Muster:
- Im April gesetzte Beschränkungen, als Antwort auf US-Zölle
- Im Juni 2025 verzögerte China gezielt US-Lieferungen etwa an Automotive-Fabriken wie Ford durch eingeschränkte Exportlizenzen
2.3. Defensive Maßnahmen gegen Wissensabfluss
Zusätzlich überwacht China Rohstofffachkräfte, kontrolliert Passausgaben und verpflichtet Unternehmen zur Meldung besonders sensibler Daten. Ziel ist es, Know-How zu schützen und den strategischen Vorteil zu sichern.
3. USA: Zölle & Verhandlungen – Gegenstrategie und Abhängigkeit
3.1. US-Zollpolitik & Verhandlungen
Die USA setzen seit Jahren auf Zölle – besonders gegen China – um Marktzugang zu regulieren. Die aktuelle Spannung dreht sich um seltene Erden und High-Tech-Güter.
- Im April verhängte China Exportbeschränkungen als Reaktion auf US-Zölle
- Im Juni erfolgte ein US-China-Handelsabkommen, das Liefergenehmigungen beschleunigen, im Gegenzug US-Technologie-Restriktionen ausweiten soll
3.2. Reaktionen und Gegenmaßnahmen
US-Unternehmen, darunter Ford, meldeten Produktionsengpässe aufgrund fehlender Lieferungen. Infolgedessen forcieren USA:
- Ausbau inländischer Bergbau und Raffineriekapazitäten
- Aufbau bilateraler Rohstoffpartnerschaften (z. B. mit Indonesien, dem eine kritische Rolle in den Zollverhandlungen zukommt )
- Langfristige Unabhängigkeitsstrategien – laut Experten könnte das mehrere Dekaden dauern.
4. EU: Materialienmangel & strategische Autonomiebestrebungen
4.1.Status quo der Rohstoffversorgung
Die EU ist stark abhängig von China – insbesondere bei Seltenerden, Lithium, Magnesium (> 90 %). Diese Abhängigkeit führte bereits ab 2020 zur Rohstoffknappheit in Schlüsselbereichen wie grüne Energie und Elektroautos.
4.2. Maßnahmen: Critical Raw Materials Act
Im März 2023 verabschiedete die EU den Critical Raw Materials Act, mit Zielen bis 2030:
- 10 % der EU-Rohstoffe selbst abbauen
- 40 % verarbeiten
- 25 % recyceln
Parallel zu vereinfachten Genehmigungen
4.3. Gegenmaßnahmen zur Diversifizierung
Strategien umfassen:
- Inlandförderung und Recycling
- EU-Partnerschaften mit Ländern wie Australien, Kanada
- Investitionen in Raffinerieprojekte (z. B. Lynas in Australien). Dennoch bleibt Selbstversorgung unrealistisch – daher fokussiert sich die EU auf Lieferdiversifizierung und strategische Allianzen.
5. Politische Waffe Rohstoffe vs. Zölle – Vergleich & Dynamik
Instrumente:
- Zölle
- Wirkung: Erhöhte Importpreise, Einnahmen
- Vorteile: kurzfristiger Schutz, Fiskalertrag
- Risiken: Eskalation, Gegenmaßnahmen, Inlandkosten
- Exportkontrollen
- Wirkung: Angebotsverknappung, Lieferstopps
- Vorteile: Hebel für politische Forderungen
- Risiken: Rückschläge, Strategiedämpfung, Selbstschaden
- Rohstoffpartnerschaften
- Wirkung: Infrastrukturausbau, Allianzen
- Vorteile: langfristige Resilienz
- Risiken: Abhängigkeit von Vertrauen, Umsetzungsdauer
6. Fazit & Ausblick
- Historie: Die EU-Antidumping-Zölle in den 1990er-Jahren zeigen, wie Staaten Zölle strategisch einsetzen können.
- China: Verwandelt seltene Erden in politisches Kapital – durch Exportkontrollen, Überwachung von Fachpersonal und technologische Partnerschaften.
- USA: Kontern mit Handelsabkommen, Förderung inländischer Produktion und strategischen Partnerschaften (z. B. Indonesien).
- EU: Implementiert den Critical Raw Materials Act, strebt Autonomie durch v. a. Recycling und Diversifizierung an.
- Zukunft: Weltweit wird der Wettbewerb um strategische Rohstoffe zunehmen, Rohstoffpolitik entwickelt sich zu einem zentralen geopolitischen Instrument. Die Balance zwischen kurzfristigen Hebeln (Zölle, Kontrollen) und langfristiger Resilienzstrategie wird entscheidend sein.
Abschließend ein Beispiel, wie der Deal aussieht, den UK mit USA am 8.5.2025 abgeschlossen hat, als Incentive für die 57 Länder/Regionen, die noch keinen Deal haben: US-Zoll auf UK-Fahrzeuge sinkt von 27,5 % auf 10 % für die ersten 100T Fahrzeuge. Der 25 % US-Strafzoll auf Aluminium wird aufgehoben. UK-Flugzeugmotoren- und Teile sind zollfrei. Beef-Quota: gegenseitig 13T Tonnen zollfrei. US-Ethanol in UK zollfrei, bis 1.4 Milliarden Liter. Für alle anderen UK-Produkte behält USA die 10 % Einfuhrzoll bei. Regelungen für bestimmte Produkte laufen noch.
In Bezug auf Rohstoffe und seltene Erden: Bei Trennung und Raffination hat China 85-90 % Marktanteil. Westliche Kapazitäten entstehen erst: Lynas (USA+Malaysia), Energy Fuels USA, Neo Performance (Estland), Solvay (Frankreich). Die Trennung seltener Erden ist umweltsensibel und technisch anspruchsvoll. Ohne China ist derzeit wohl keine vollständige Versorgung möglich, vermutlich bis 2026/2027. Einzelnen Industrieunternehmen kann es jedoch durchaus gelingen, ihre Eigenbedarfe zu decken.














