Zukunft Mittelstand

Zurück in die Zukunft. Ein Weckruf aus der Wirtschaft

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AdobeStock, frank peters

Mittelstand und Wasserstoff: Wie der Wandel zur klimaneutralen Wirtschaft gelingen kann

14. Oktober 2025

Der deutsche Mittelstand steht vor einer historischen Herausforderung: Die Dekarbonisierung seiner Produktion ist nicht nur notwendig, sondern auch eine große Chance. Damit die ambitionierten Klimaziele erreicht werden, müssen bürokratische Hürden fallen, Förderprogramme einfacher werden und der Zugang zu grünem Wasserstoff deutlich erleichtert werden. Nur mit pragmatischen Lösungen kann der Mittelstand bei der grünen Transformation zum Motor werden.

Innovativ, anpassungsfähig und mit enormer Hebelwirkung für den Klimaschutz – das ist der deutsche Mittelstand, der das Rückgrat unserer Wirtschaft darstellt. Die Westfalen-Gruppe mit Hauptsitz in Münster gehört seit über 100 Jahren zu diesem Rückgrat. Heute versorgt das Familienunternehmen rund 60.000 Industrie- und Gewerbekunden mit Energie, Kraftstoffen und Industriegasen – vor allem kleine und mittlere Unternehmen. Doch genau dieser Teil der Wirtschaft steht jetzt vor einem gewaltigen Umbruch. Und dieser Umbau gelingt nur dann, wenn der Mittelstand nicht länger als Randfigur behandelt, sondern als Treiber mit einbezogen wird. Die Diskussion über industrielle Dekarbonisierung konzentriert sich häufig auf Großkonzerne – ein verständlicher, aber verkürzter Blick. Denn die Hälfte der Nettowertschöpfung in Deutschland entsteht im Mittelstand. Viele kleine und mittlere Maßnahmen können hier eine große Gesamtwirkung erzielen – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Diese Rahmenbedingungen sind allerdings bislang nicht ausreichend auf die Bedürfnisse kleinerer Unternehmen abgestimmt – eine Lücke, die sich gerade beim Zugang zu klimafreundlichen Energieträgern deutlich zeigt.

Wasserstoff: Ein Schlüssel, aber kein Selbstläufer

Wasserstoff gilt als Hoffnungsträger – insbesondere für die Industrie, wo hohe Temperaturen und energieintensive Prozesse CO₂-freie Alternativen erfordern. An dieser Stelle wird klar: An grünem Wasserstoff führt langfristig kein Weg vorbei. Umso wichtiger ist es, frühzeitig marktfähige Lösungen bereitzustellen.

Schon heute versorgt Westfalen mit einer Trailer-Flotte seine Kunden mit Wasserstoff im gesamten Bundesgebiet und in angrenzenden europäischen Ländern. Darüber hinaus errichtet Westfalen gemeinsam mit RWE den so genannten »H2 Filling Hub Lingen«, der neben einer Wasserstoff- Tankstelle für Nutzfahrzeuge vor allem eine Abfüllstation beinhaltet, die die Versorgung von Kunden im Nordwesten Deutschlands mit grünem Wasserstoff ermöglicht.

Eine weitere Kooperation bereitet Westfalen aktuell mit der VERBUND AG, Österreichs führendem Energieunternehmen, vor. Ab 2026 soll grüner Wasserstoff von VERBUND über unser dezentrales Versorgungskonzept an Kunden in Österreich und Süddeutschland geliefert werden – schnell, flexibel, bedarfsgerecht. Alles in allem wollen wir deutlich machen, dass der deutsche Mittelstand nicht auf das Wasserstoff-Kernnetz warten muss, um aktiv werden zu können.

Diese pragmatischen Lösungen passen zum Mittelstand, der sich durch hohe Anpassungsfähigkeit auszeichnet. Doch: Auch die flexibelsten Unternehmen brauchen verlässliche Spielregeln. Und sie brauchen Lösungen, die in der Praxis umsetzbar sind – etwa über lokale H₂-Hubs oder mobile Lieferkonzepte, die bereits heute einen wirtschaftlichen Einsatz ermöglichen können. Das Potenzial dezentraler Infrastrukturen wird dabei oft unterschätzt.

Rahmenbedingungen: Investitionen brauchen Verlässlichkeit

Die Bereitschaft zu investieren ist da – aber viele Unternehmen fragen sich, ob sich das lohnt. Und sie haben Recht: Ohne wirtschaftliche Perspektive kein Technologiewechsel. Aktuell sind grüne Gase und Wasserstoff schlicht zu teuer. Gründe dafür gibt es viele – unter anderem die überregulierten Produktionskriterien auf EU-Ebene. Der Mittelstand braucht stabile politische Rahmenbedingungen, die über Legislaturperioden hinaus Bestand haben. Sonst bleibt Wasserstoff eine Nische – trotz aller technologischen Machbarkeit. Gerade mittelständische Unternehmen agieren langfristig und müssen sich hier auf ihre strategischen Entscheidungen verlassen können. Eine verlässliche Planungsperspektive ist dabei essenziell, etwa durch verbindliche Leitmärkte und technologieoffene Roadmaps für CO₂-neutrale Anwendungen.

Förderung: Zu kompliziert, zu realitätsfern

Was fehlt, ist politische Unterstützung, die in der Praxis funktioniert. Zwar existieren zahlreiche Förderprogramme – doch gerade für kleine und mittlere Unternehmen sind sie oft zu komplex, zu bürokratisch, zu wenig transparent. Wer investiert, braucht Planbarkeit und Geschwindigkeit – nicht einen Dschungel an Formularen, Richtlinien und unklaren Zuständigkeiten. Hier muss die Politik dringend entwirren, vereinfachen und beschleunigen. Förderstrukturen, die sich an den realen Gegebenheiten im Mittelstand orientieren, sind entscheidend. Auch Best-Practice-Beispiele und branchenspezifische Beratungsangebote könnten hier die Akzeptanz und den Zugang verbessern.

Regulatorik: Ein Fall für den Rotstift

Ein weiteres Beispiel ist die sogenannte »Zusätzlichkeit«, die Produzenten verpflichtet, für Elektrolyseure ausschließlich Strom aus neuen, erneuerbaren Energieanlagen zu verwenden. Ab 2028 sind beispielsweise bestehende Windparks tabu – ein Bremsklotz im Hochlauf. Ähnlich praxisfern ist das Kriterium der »Gleichzeitigkeit«, das eine stundengenaue Korrelation zwischen Stromerzeugung und Wasserstoffproduktion verlangt. Kriterien, die es für keine andere Branche gibt. Beide Vorgaben behindern Investitionen und sollten dringend reformiert werden. Der Markt braucht Spielräume, keine Denkverbote. Hier wäre mehr Pragmatismus gefragt – und das Vertrauen darauf, dass Wirtschaft und Technologie tragfähige Lösungen entwickeln können. Eine bessere Integration bestehender Infrastruktur würde ebenfalls helfen, den Markthochlauf zu beschleunigen.

CO2-Bepreisung: Mit Augenmaß statt mit der Brechstange

Ein weiterer Stellhebel ist die CO₂-Bepreisung. Richtig dosiert, kann sie klimafreundliche Technologien wettbewerbsfähiger machen. Doch Vorsicht: Eine undifferenzierte Erhöhung kann den Mittelstand wirtschaftlich überfordern und die ohnehin fragile Konjunktur weiter belasten. Es braucht ein sensibles Gleichgewicht – mit gezielten Ausgleichsmaßnahmen, die verhindern, dass insbesondere kleine und mittlere Unternehmen ins Hintertreffen geraten. Neben einer intelligenten CO₂-Bepreisung könnten auch Quotenregelungen zur Nutzung von Wasserstoff Impulse setzen – so wie sie in der EU mit der RED III vorgesehen sind. Allerdings fehlt es bislang an einer ambitionierten nationalen Umsetzung, die Mittelstand und Industrie aktiv einbindet.

Fazit: Dekarbonisierung braucht den Mittelstand – und umgekehrt

Die grüne Transformation ist kein Sprint. Sie ist ein Marathon – aber aktuell fühlt es sich für viele Mittelständler eher wie ein Hürdenlauf an. Gerade Wasserstoff zeigt: Die Technologie funktioniert, die Bereitschaft ist da, doch die Rahmenbedingungen bremsen. Wenn der Markthochlauf ernst genommen wird, braucht es weniger Komplexität und mehr Pragmatismus. Klare Regeln, einfache Förderstrukturen und planbare Kosten. Nur so wird der Mittelstand zum echten Motor der Dekarbonisierung – und Deutschland zum Vorreiter im klimaneutralen Wirtschaften.

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