Zukunft Mittelstand

Zurück in die Zukunft. Ein Weckruf aus der Wirtschaft

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AdobeStock, frank peters

Lösungen statt Lethargie: Ein Plädoyer für die Produktion in Deutschland

14. Oktober 2025

Ich bin eine von vielen Inhabenden und Geschäftsführenden, die sich sehr intensiv mit der Frage beschäftigen, inwieweit sich Produktion in Deutschland überhaupt noch lohnen kann. Welche Nischen und Spezialisierungspotenziale gibt es in diesem technologisch fortgeschrittenen Land und unserer gesättigten Gesellschaft noch für uns? Wie kann ich die Produktivität meines Unternehmens so erhöhen, dass sie z. B. den gestiegenen Energiekosten und Einkommenserwartungen standhält, ohne dass die Burnout-Rate unter meinen Mitarbeitern steigt? Wie sehr ist diese Zitrone eigentlich schon ausgepresst?

Bleibe ich kreativ und schaue mutig nach vorn oder ist es ratsamer lieber vom Gaul abzusteigen, bevor dieser tot umfällt? Wir sind im dritten Folgejahr einer wirtschaftlichen Rezession, die Insolvenzanmeldungen sind auf einem Rekordhoch, insbesondere im produzierenden Gewerbe. Politisch leben wir in hochunsicheren Zeiten, viele Rahmenbedingungen haben sich für den Produktionsstandort Deutschland verschlechtert und die Risiken für unsere Investitionen und unsere soziale Absicherung tragen wir Unternehmenden dabei allein – das Ganze ohne Aussicht auf Besserung.

Hinzu kommt, dass wir in einer Gesellschaft wirtschaften, in der die Lebenskosten kontinuierlich steigen, ebenso der (gefühlte) Anspruch auf Wohlstand und Lebensstandard – dies gilt für Kunden, wie Mitarbeitende, für jeden von uns. Gleichzeitig ist die Mehrheit nicht mehr bereit, für einzelne Produkte mehr zu bezahlen. In Zeiten von Rabatt-Jagden und Temu drängt sich zunehmend die Fragen auf: Wie soll das produzierende Gewerbe in der Lage sein, die gestiegenen Einkommenserwartungen zu bedienen und gleichzeitig Produkte auf den Markt bringen, die nicht teurer werden (dürfen). Wovon soll dieses ganze Vorhaben bezahlt werden? Genügt es allein intelligenter zu arbeiten, um Effizienzen zu erhöhen und Kosten zu reduzieren? Wie viele Nischen gibt es noch, die tatsächlich bedient werden können und höhere Margen versprechen? Und wenn, wie bisher, unser Land wesentlich von den Ergebnissen und Erträgen unseres produzierenden Gewerbes lebt und diese sich nun zunehmend abschaffen, woher kommt in Zukunft das Geld und der Wohlstand?

Man muss seinen Beruf als Mittelständler und seine persönliche Mission schon sehr lieben, um hier nicht aufzugeben. Man braucht nicht nur Visionen, sondern vor allem auch funktionale Strategien, um diesen noch gerecht zu werden. Vielleicht bedarf es dazu aber auch einer eigenen Definition von »Wohlstand« und »was lohnt sich«. Für mich ist Wohlstand nicht gleichzusetzen mit einem Leben im Überfluss, sondern umfasst eine Gesellschaft, in der Arbeit fair entlohnt wird, Mitarbeitende sich als respektierten Teil eines großen Ganzen erleben und ich ein Umfeld bieten kann, das persönliches Wachstum ermöglicht und Freiheit zur Weiterentwicklung bietet – ohne Ängste und Zwänge. Und nicht zu vergessen, ist die eigene Energie des Unternehmenden: ohne diese und den unerschütterlichen Glauben daran, dass man in Deutschland mit Produktion noch zum Wohlstand unseres Landes beitragen kann, ist man verloren.

Ich setze mich täglich mit meiner eigenen Energiearbeit auseinander, setze konsequent die entschiedenen Strategien um und weiß sehr klar, warum mein Unternehmen, Baum Zerspanungstechnik, mit seinen über 50 produzierenden Mitarbeitenden, auch in 10 Jahren noch lohnende Arbeit anbieten kann. Dabei überlege ich sehr genau, was in meinem eigenen Einflussbereich liegt. So gehen in der Führung meiner Mitarbeitenden konsequente Maßnahmen zur Effizienzsteigerung und Kostenreduzierung mit Gesundheitsangeboten und einer wertschätzenden Kommunikation Hand in Hand. Ich investiere kontinuierlich in modernste Technologie meines Produktionsunternehmens. Marktseitig habe ich bereits vor langer Zeit damit aufgehört durch Serienaufträge und anspruchslose Arbeiten das schnelle Geld zu suchen und stattdessen auf die Kompetenzerweiterung und den Aufbau von anspruchsvollem Fertigungs-Know-How gesetzt. Heute fertigen wir nicht nur für weltweite Technologieführer im Maschinenbau, sondern bieten auch z. B. eine Express-Fertigung an, bei der unsere Arbeit in der Produktion unmittelbar nach Auftragseingang beginnen kann. Die Fokussierung auf echte, wertstiftende Dienstleistungen und Produkte anstatt noch mehr Masse sind meine persönlichen Aussichten auf ein lohnendes Geschäftsmodell in hochunsicheren Zeiten. Dies ist auch meine Antwort darauf, wie ich den sich immer weiter verschlechternden Rahmenbedingungen für unseren Produktionsstandort positiv innerhalb meines Einflussbereiches begegnen kann. Dem gingen jahrelange energetische, strategische und strukturelle Arbeit voraus und wir, als Unternehmende, werden auch niemals fertig sein, denn Stillstand bedeutet heute nicht mehr nur Rückschritt, sondern mittlerweile das sichere Aus. Es gilt also kontinuierlich zu verstehen, welchen Nutzen ich anderen Menschen mit meinem Geschäftsmodell noch bieten kann. Wie ich diese Menschen am besten erreiche. Und wie ich mein Geschäft den sich stark veränderten Rahmenbedingungen immer wieder anpassen kann, im Idealfall die anstehenden Veränderungen absehen kann, um proaktiv agieren zu können.

Ich bin überzeugt davon, dass wir den Blick für das Gute nicht verlieren dürfen. Mein Beispiel zeigt, dass man mit Ausdauer und Kreativität sehr wohl noch Lösungen in der Produktion am Standort Deutschland bieten kann, die anderen Menschen heute und in Zukunft einen Nutzen bringen. Wir sollten darüber hinaus dankbar sein, ohne Krieg und Hungersnot jeden Tag aufs Neue leben zu können und den unerschütterlichen Wert von Wertschöpfung in der Produktion nicht außer Acht lassen: Es ist in uns Menschen tief angelegt, dass wir etwas erschaffen, einen Wert schaffen wollen. In der Produktion kann man dies wunderbar und täglich erleben. Ich bin überzeugt davon, dass dies uns Menschen zu einer inneren Befriedigung und damit Gesundheit verhilft, für die es sich absolut lohnt, auch in Zukunft an einer Produktion in unserem Land festzuhalten.

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