Zukunft Mittelstand

Zurück in die Zukunft. Ein Weckruf aus der Wirtschaft

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AdobeStock, frank peters

Handwerk: Eine Brücke von der Renaissance in die Zukunft

14. Oktober 2025

Das Handwerk1Dieser Artikel beruht auf der »Innovationsinitiative Handwerk – Attraktiver, progressiver, zukunftsfester«: Deutscher Bundestag, Drucksache 19/11119, 19. Wahlperiode, Antrag der FDP Fraktion, 25.06.2019. ist weit mehr als eine traditionsreiche Wirtschaftsbranche – es ist ein essenzieller Bestandteil der gesellschaftlichen Entwicklung, der Innovation und vor allem der beruflichen Bildung. Schon in der Renaissance waren es hochqualifizierte Handwerker, Künstler und mathematisch faszinierte Wissenschaftler, die mit ihren bahnbrechenden Erfindungen und architektonischen Meisterwerken den Grundstein für die moderne Ingenieurskunst legten. Leonardo da Vinci, Filippo Brunelleschi und viele andere waren nicht nur Konstrukteure, sondern auch Vordenker, die ihre praktischen Fähigkeiten nutzten, um visionäre Ideen zu verwirklichen. Ihre Werke zeigen, dass handwerkliches Können nicht nur eine wirtschaftliche Grundlage bietet, sondern auch eine treibende Kraft für den Fortschritt darstellt. Übrigens haben Robert Bosch und Werner von Siemens aus Handwerksbetrieben heraus ihre Patente entwickelt und damit die Grundlage für ihre Weltkonzerne geschaffen. Und nicht wenige der heutigen, technisch fundierten Gründer bauen ihre Prototypen handwerklich.

Heute, in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen durch Digitalisierung, Globalisierung, Migrationsbewegungen und demografischen Wandel, übernimmt das Handwerk eine zentrale Rolle. Es bietet jungen Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen Perspektiven, fördert Kompetenzen, die in der modernen Arbeitswelt unentbehrlich sind und treibt Innovationen auf einzigartige Weise voran. Genau wie die »Renaissance-Ingenieure« einst ihre Kenntnisse aus Kunst, Wissenschaft und Technik vereinten, muss auch das moderne Handwerk interdisziplinär denken und sich an neue technologische Gegebenheiten anpassen.

Handwerk: Eine tragende Säule der Wirtschaft und Innovation

Mit rund 5,5 Millionen Beschäftigten und fast einer Million Betrieben stellt das Handwerk einen mächtigen Wirtschaftsfaktor dar. 12,4 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten in dieser Branche, die einen Jahresumsatz von über 580 Milliarden Euro erwirtschaftet und rund 7,7 Prozent zur Bruttowertschöpfung Deutschlands beiträgt. Besonders prägend ist die Struktur: Über zwei Drittel aller Handwerksbetriebe haben weniger als fünf Mitarbeitende. Diese kleinteilige Betriebsstruktur erinnert an die Werkstätten der Renaissance, in denen Meister, Gesellen und Lehrlinge Seite an Seite arbeiteten, Wissen weitergaben und Innovationen entwickelten.

Während die Renaissance von herausragenden Bauwerken und technischen Meisterleistungen geprägt war, können Handwerksbetriebe heute zur digitalen Transformation beitragen. Moderne Fertigungstechniken, nachhaltige Baumaterialien und innovative Produktionsmethoden zeigen, dass erfahrungsbasiertes handwerkliches Know-how auch im digitalen Zeitalter unverzichtbar ist. Die Kombination aus Tradition und Zukunftsorientierung sorgt dafür, dass das Handwerk nicht nur wirtschaftliche Stabilität garantiert, sondern auf seinen Feldern als Pionier auch technologische Fortschritte aktiv vorantreiben kann.

Bildung und Ausbildung: Lernen von den Pionieren der Vergangenheit

Die handwerkliche Ausbildung ist weit mehr als das Erlernen praktischer Fertigkeiten – sie bildet die Grundlage für umfassende berufliche Handlungskompetenz. Kreativität, unternehmerisches Denken und Problemlösungskompetenz sind integraler Bestandteil der Ausbildung und entscheidend für die Innovationskraft eines modern denkenden Handwerks.

Ähnlich wie die Renaissance-Ingenieure, die ihr Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen verbanden, müssen heutige Handwerker digitale Kompetenzen erwerben und mit neuen Technologien arbeiten. Der 3D-Druck revolutioniert die handwerkliche Produktion, digitale Baupläne ermöglichen gewerkeübergreifende präzisere Konstruktionen, und intelligente Maschinen unterstützen handwerkliche Fertigungsprozesse. Genau wie Leonardo da Vinci Maschinen für die Zukunft entwarf, stehen heutige Handwerker an der Schnittstelle zwischen handwerklicher Tradition und technischer Innovation.

Werkstätten in Schulen und Labs in Hochschulen: Die Zukunft des Handwerks formen

Um das Handwerk für die Zukunft zu stärken, müssen praxisnahe Ausbildungsorte eine größere Rolle spielen. Werkstätten auch in allgemeinbildenden Schulen sind hierbei von besonderer Bedeutung: Sie ermöglichen es jungen Menschen, schon früh handwerkliche Tätigkeiten zu entdecken und ihre Fähigkeiten auszubauen. Indem sie im Team experimentieren, mit unterschiedlichen Verfahren und Materialien arbeiten, lernen sie nicht nur praktische Fertigkeiten, sondern auch Problemlösungskompetenz und kreatives Denken – und das mit Sozialkompetenz.

Darüber hinaus sind Labs in Hochschulen wichtige Treiber für die handwerkliche Ausbildung und Forschung. Hier entstehen interdisziplinäre Projekte, die Handwerk mit modernen Technologien verbinden – von nachhaltigen Baumaterialien über digitale Produktionsmethoden bis hin zu innovativen Smart-Technologien für das Baugewerbe. Studierende aus ingenieurwissenschaftlichen, gestalterischen und wirtschaftlichen Fachrichtungen können so gemeinsam mit Handwerksbetrieben neue Lösungen entwickeln.

Praxisorientierte Lehrerbildung: Den Grundstein für die Zukunft legen

Ein weiterer entscheidender Punkt ist die praxisorientierte Lehrerbildung. Lehrkräfte spielen eine zentrale Rolle bei der Vermittlung handwerklicher Kompetenzen, sei es in der schulischen oder beruflichen Bildung. Um jungen Menschen den Wert und die Zukunftsperspektiven des Handwerks näherzubringen, müssen Lehrkräfte selbst praktische Erfahrungen sammeln. Wir brauchen Programme, in denen Lehrkräfte zeitweise in Handwerksbetrieben arbeiten oder an praxisnahen Fortbildungen teilnehmen, oder noch besser, bereits selbst eine handwerkliche Ausbildung genossen haben. Das trägt dazu bei, das Verständnis für die Bedeutung des Handwerks in der modernen Arbeitswelt zu vertiefen. Eine stärkere Verbindung zwischen pädagogischer Ausbildung und praktischer Erfahrung ist ein wichtiger Schritt, das Handwerk als Grundlage und Seele unserer Wirtschaft zu vermitteln.

Innovationen: Das Handwerk als Quelle kreativer Lösungen

Während in Großunternehmen Innovation oft das Ergebnis formaler Forschung und Entwicklung (FuE) ist, entstehen Innovationen im Handwerk aus der Praxis heraus – genau wie in der Renaissance. Das sogenannte »Doing- Using-Interacting«-Modell beschreibt Innovationsprozesse, die auf praktischen Erfahrungen, engem Kundenkontakt und iterativen Verbesserungen basieren.

Die Meisterwerke der Renaissance, darunter Brunelleschis beeindruckende Kuppel des Doms von Florenz, entstanden aus der Verbindung von handwerklicher Präzision und technischer Neuerfindung. Das schafften sie durch eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis. Die Ingenieure der Renaissance haben durch diese Kombination nicht nur Grundlagen für die heutige Wissenschaft gelegt, sondern anwendungsorientierte Forschung gelebt. Heute ist das Handwerk vorwiegend auf die Anwendung (neuer) Technologien konzentriert; Kooperationen mit Wissenschaft und Forschung sind eher noch die Ausnahme.2Beispiele: Innovationspartnerschaft zwischen Wissenschaft und Handwerk: Partnerschaft Helmholtz-Gemeinschaft und der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und Seifriz-Preis.

Digitalisierung: Herausforderung und Chance

Die Digitalisierung stellt das Handwerk vor Herausforderungen, aber auch vor große Chancen. Während viele Betriebe den Nutzen digitaler Technologien erkennen, gibt es oft Unsicherheiten bei der Umsetzung. Moderne Technologien wie 3D-Druck, Robotik und Smart Data bieten großes Potenzial, aber die Integration in bestehende Betriebsabläufe ist komplex.

Hier zeigt sich erneut die Verbindung zur Renaissance: Damals wie heute steht das Handwerk vor technischen Umbrüchen, die neue Denkweisen erfordern. Nur etwa 9 % der Handwerksbetriebe setzen bislang 3D-Druckverfahren ein, obwohl diese Technologie große Möglichkeiten bietet – ähnlich wie die ersten Maschinenentwürfe von Leonardo da Vinci, die ihrer Zeit voraus waren. Um diese digitalen Werkzeuge optimal zu nutzen, müssen Ausbildungskonzepte erweitert und Fachkräfte gezielt geschult werden.

Fachkräftemangel: Ein modernes Problem

Während die Renaissance von einer Hochphase handwerklicher Meisterwerke geprägt war, die aus einem schier unerschöpflichen Biotop an handwerklichen Könnern erwuchsen, steht das moderne Handwerk vor dem Problem des Fachkräftemangels. Schätzungen zufolge fehlen dem Handwerk bereits heute zwischen 150.000 und 250.000 Fachkräfte, und viele Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt.

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Handwerk hat immer Menschen angezogen, die kreativ denken und praktische Lösungen entwickeln. Um diese Tradition fortzuführen, müssen Schulen und Handwerksbetriebe enger zusammenarbeiten, um jungen Menschen die Faszination des Handwerks und seinen vielfältigen Möglichkeiten zu vermitteln. Kooperationen zwischen Schulen und Betrieben, schulische Projekte mit praktischen Komponenten und gezielte Informationskampagnen können dazu beitragen, das Handwerk als moderne, zukunftssichere Berufswahl zu etablieren. Handwerksbetriebe selbst haben auch Hausaufgaben: Sie müssen sich in Summe für moderne Technologien öffnen und ihre Arbeits- und Führungskultur für die junge digitale Generation in ihrer Heterogenität weiterentwickeln.

Fazit: Das Handwerk als Erbe und Zukunftsvision

Wie schon die Handwerker und Ingenieure der Renaissance bewiesen haben, ist handwerkliche Bildung ein mächtiger Motor für Fortschritt und gesellschaftliche Erneuerung. Ihre Neugier, ihr Innovationsgeist und ihr Mut zur interdisziplinären Zusammenarbeit können auch heute als Inspiration dienen.

Indem wir die Prinzipien der Renaissance auf das moderne Handwerk übertragen, schaffen wir eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft – für eine Welt, in der handwerkliches Können weiterhin die Grundlage für bahnbrechende Entwicklungen bildet. Mit gezielter politischer Unterstützung, innovativen Bildungsangeboten, innovativen Beschäftigungs- und Entwicklungsperspektiven sowie neuem gesellschaftlichen Bewusstsein für handwerkliches Können kann das Handwerk nicht nur seine eigene Zukunft gestalten, sondern auch die Zukunft unseres Landes aktiv mitbestimmen.

Quellen

Ein Beitrag von

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14. März 2024
14. Oktober 2025
Thomas Sattelberger
Mitglied Deutscher Bundestag 2017–2022, Parlamentar. Staatssekretär a. D., langjähriger DAX-Vorstand,

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