Die deutsche Wirtschaft befindet sich in ihrer schwersten Krise der Nachkriegsgeschichte. Insolvenzen nehmen zu, Investitionen brechen ein, die Preise steigen und immer mehr Unternehmen, gerade aus dem Mittelstand, kehren Deutschland aufgrund schlechter Standortbedingungen den Rücken zu. Während andere Volkswirtschaften längst in die Zukunft aufgebrochen sind, verharrte Deutschland zuletzt in der Vergangenheit. Etablierte Industriezweige straucheln, Fachkräfte wandern ab, ein massiver Stellenabbau greift um sich – und längst macht sich in Wirtschaft, Medien und Gesellschaft ein Gefühl breit: Wir sind nicht mehr fit für die Zukunft. Hinzu kommt: Einseitige technologische Abhängigkeiten machen Deutschland immer erpressbarer und engen politische Handlungsspielräume ein. Schon heute wird die digitale Infrastruktur Europas an zentralen Stellen durch ausländische Anbieter dominiert – oftmals außerhalb europäischer Rechtsstandards. Die geopolitischen Risiken dieser Abhängigkeit haben sich zuletzt deutlich verschärft. Es wäre fahrlässig, diese Entwicklungen weiter zu ignorieren. Denn wir haben in den letzten Jahren gelernt, dass strategisch kritische Infrastruktur – etwa in der Energieversorgung – nicht in der Hand Dritter liegen darf. Das Gleiche gilt für digitale Technologien.
Die neue Bundesregierung kann die Weichen für eine Trendwende stellen
Europa und Deutschland müssen in dieser Hinsicht endlich auf eigenen Beinen stehen. Wir müssen Digitalisierung souverän gestalten – mit eigenen Lösungen, mit eigenem geistigem Eigentum, mit eigener Infrastruktur. Es genügt nicht, digitale Technologien lediglich anzuwenden. Wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, müssen wir die digitale Zukunft aktiv mitgestalten. Deutschland braucht deshalb mehr als nur eine Kurskorrektur. Deutschland braucht ein neues Geschäftsmodell.
Zwar ist unser Land nach wie vor eine der größten Volkswirtschaften der Welt, aber dieser Status beruht in hohem Maße auf den Erfolgen vergangener Jahrzehnte. Unsere industrielle Stärke ist – so beachtlich sie weiterhin ist – keine Garantie für den Wohlstand von morgen. Der entscheidende Wohlstandsfaktor der Zukunft wird digitale Wertschöpfung sein. Und diese Wertschöpfung wird nicht automatisch bei uns entstehen. Sie muss erarbeitet werden – durch die richtige Innovationspolitik, durch unternehmerischen Mut, durch Investitionen in Talente, Technologien und digitale Infrastrukturen.
Die gute Nachricht: Wir haben alles, was es braucht, um diesen Weg zu gehen. Deutschland verfügt über einen leistungsfähigen, mittelständisch geprägten Digitalsektor. Es gibt innovative Unternehmen, exzellente Forschungsstrukturen, engagierte Gründerinnen und Gründer. Gerade im Business-to-Business und Business-to-Government-Segment haben deutsche Anbieter die Chance, mit digitalen Lösungen Weltmarktführer zu werden, sei es in der industriellen Fertigung, in der Cybersicherheit oder mit spezialisierter Verwaltungssoftware. Der deutsche IT-Mittelstand ist in vielen Bereichen hervorragend aufgestellt, aber wird zu oft ausgebremst durch bürokratische Hürden, regulatorische Überlastung und eine halbherzige Förderpolitik.
Die Hidden Champions von morgen kommen aus der Tech-Branche
Jetzt ist der Moment, in dem sich das ändern kann und muss. Die Rahmenbedingungen müssen von der neuen schwarz-roten Bundesregierung so gestaltet werden, dass sich Exzellenz und Innovation entfalten können. Auch wenn die Aufgaben groß sind, die Chancen sind noch größer: Die Ausgangslage erinnert in mancher Hinsicht an die frühen Jahre der Bundesrepublik. Auch das Wirtschaftswunder der 1950er- und 1960er-Jahre entstand nicht aus einer perfekten Situation heraus. Im Gegenteil: Es war getragen von Mut, Innovationsgeist, klarer politischer Rahmensetzung und dem Willen zum Aufbruch. Es war der Mittelstand, der mit Spezialisierung, technischer Exzellenz und klugem Unternehmertum neue Märkte erschloss und Deutschland wirtschaftlich wieder auf die Beine stellte. Aus dieser Phase gingen viele unserer Hidden Champions hervor: Unternehmen, die mit klarem Fokus auf Qualität und Nischenmärkte internationale Spitzenpositionen einnahmen.
Heute stehen wir an einem vergleichbaren Wendepunkt. Die Hidden Champions von morgen kommen nicht mehr aus dem Maschinenbau, sondern aus der Tech-Branche. Das nächste Wirtschaftswunder wird – wenn es gelingt – ein digitales Wirtschaftswunder sein. Im Zentrum stehen dann nicht mehr (nur) Autos, Chemie oder Anlagenbau, sondern Künstliche Intelligenz, Cloudlösungen, Quantencomputing, Plattformtechnologien und insbesondere spezialisierte Softwarelösungen. All das kann aus Deutschland kommen – wenn wir jetzt den Mut und die Entschlossenheit haben, die Weichen richtig zu stellen.
Dazu braucht es eine neue wirtschafts- und digitalpolitische Agenda. Eine Politik, die Innovation nicht als Risiko, sondern als Chance versteht. Es braucht den Willen, den Zugang zu Wachstumskapital für Tech-KMU zu erleichtern, Bürokratie gezielt abzubauen, steuerliche Anreize zu schaffen und die öffentliche IT-Beschaffung so auszugestalten, dass heimische Anbieter nicht systematisch benachteiligt werden. Technologieoffenheit, Marktzugang, Planbarkeit und faire Wettbewerbsbedingungen – das sind die Grundlagen für digitale Exzellenz. Deutschland braucht nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Ermöglichung. Nicht mehr Misstrauen gegenüber Innovation, sondern Vertrauen in die eigene Stärke.
Die neue Bundesregierung hat jetzt die Chance, diesen Kurswechsel einzuleiten. Der politische Neustart muss genutzt werden, um das Fundament für ein digitales Wirtschaftswunder zu legen. Eine digitalpolitisch ausgerichtete Wirtschaftspolitik ist kein Nischenthema. Sie ist der Schlüssel für Wachstum, Resilienz und Souveränität in einer Welt, die sich rasant verändert. Deutschland hat das Know-how, die Unternehmen und die Talente, um diesen Wandel zu gestalten. Jetzt braucht es nur noch eines: politischen Gestaltungswillen.
Wir sind überzeugt: Deutschland kann digital. Und wenn wir es richtig anstellen, wird »Tech made in Germany« zum neuen Markenzeichen eines wirtschaftlichen Aufbruchs, der weltweit Maßstäbe setzen kann.













