Die Ausgangslage schnell erklärt: Wir sitzen in einem Zug und rasen mit voller Geschwindigkeit auf eine steile Kurve zu. Wir alle wissen: Bremsen wir nicht, droht der Zug zu entgleisen – bremsen wir zu hart, herrscht ein heilloses Chaos. Wie bremsen wir richtig? Schnell und hart? Oder lieber sanft, Stück für Stück? Genau darum geht es jetzt beim Klimaschutz: Wie schaffen wir die Transformation zur klimaneutralen Industrie? Ambitioniert und zügig oder mit mehr Luft zum Atmen? Es folgt ein Streitgespräch:
»Wir haben uns doch längst entschieden!«
(Marco Göllrich)
Seitdem wir 2015 das Pariser Klimaabkommen beschlossen haben, folgen wir einer klaren Marschrichtung: Wir wollen die Klimaneutralität. Spätestens seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts in 2021 wissen wir: Wir müssen unsere Ambitionen sogar noch hochschrauben. In der Begründung des Wegweisenden »Klimabeschlusses« wird verwiesen auf die Dringlichkeit und die Pflicht, Lasten nicht zu weit nach hinten zu verschieben.
Unternehmen haben daraufhin Milliarden investiert, neue Technologien entwickelt, Strategien aufgesetzt. Jetzt aber kommen Rufe, diesen Zug der Transformation langsamer fahren zu lassen. Zurück auf Anfang? Bloß nicht! Wenn wir jetzt die Bremse lockern, verfallen wir wieder in alte Muster. Dann werden ambitionierte Klimaziele Schritt für Schritt aufgeweicht – erst um fünf Jahre, dann um zehn, dann um zwanzig. Und am Ende stehen wir wieder da, wo wir vor 30 Jahren standen: viel geredet, wenig geschafft.
Wer in der Wirtschaft unterwegs ist, sieht doch: Sobald es ernst wird, heißt es plötzlich, die Ziele seien »zu ambitioniert«, »nicht machbar«, »wirtschaftlich riskant«. Das war schon immer so. Aber Fortschritt entsteht nicht, indem man die Latte immer niedriger hängt. Unsere Wirtschaft kann das – aber nur, wenn sie den Druck verspürt, sich zu verändern. Wer sich an den Status quo klammert, sorgt nur dafür, dass Deutschland auf Dauer an Innovationskraft verliert. Wir müssen uns als Gesellschaft endlich wieder etwas zutrauen!
»Nicht überreißen, sonst verlieren wir die Leute!«
(Sebastian Engelskirchen)
Klar, Klimaschutz ist wichtig. Aber mit dem Kopf durch die Wand? So läuft das nicht. Man kann Klimapolitik nicht mit der Brechstange durchdrücken und erwarten, dass alle jubelnd mitziehen. Viele Unternehmen – vor allem Mittelständler – kämpfen schon jetzt mit hohen Energiekosten, Bürokratie und internationalem Wettbewerbsdruck. Wenn wir das überziehen, drohen Abwanderung und Arbeitsplatzverluste. Dann sitzen wir hier mit hehren Klimazielen, aber ohne Industrie. Und ohne Industrie? Kein Geld für Soziales, keine Jobs, kein Wohlstand. Dann haben wir einen klimaneutralen Scherbenhaufen.
Der CO₂-Preis ist ein gutes Beispiel. Klar, der soll Anreize setzen. Aber wenn er zu schnell steigt, haben Unternehmen gar keine Alternative – sie können nicht von heute auf morgen auf grünen Wasserstoff oder erneuerbare Energien umsteigen. Wenn die Feuerverzinkerbranche 134 Anlagen in 20 Jahren umrüsten soll, ist das ein großer Kraftakt. Das müssen wir strecken! Ambitionierte Ziele? Ja, unbedingt. Aber so, dass sie machbar bleiben. Sonst verlieren wir Akzeptanz in der Bevölkerung. Und wenn die Leute das Gefühl haben, dass Klimaschutz nur was für Besserverdienende ist, die sich ein E-Auto und Biofleisch leisten können, dann schwenkt das Ganze ins Gegenteil um. Dann wird Klimapolitik zum Feindbild.
»Ohne klaren Kurs verschleppen wir die Transformation!«
(Marco Göllrich)
Das Problem ist: Wenn wir den CO₂-Preis künstlich niedrig halten oder den Klimaschutz zeitlich strecken, verschieben wir das Problem nur. Irgendwann müssen wir es angehen – und dann wird es noch teurer. Unternehmen und Bürger brauchen Planungssicherheit. Wenn wir die Regeln immer wieder ändern, halten sie ihre Investitionen zurück. Und dann? Dann stehen wir in zehn Jahren wieder da und diskutieren, ob wir das Ganze auf 2060 verschieben sollen. Und dann auf 2070. Dann stehen wir mit veralteten Technologien da, während andere Länder uns längst überholt haben.
Schau dir die Automobilbranche an: Früher haben alle gejammert, Elektromobilität sei nicht machbar. Heute will VW ein E-Auto unter 20.000 Euro auf den Markt bringen. Warum? Weil es eine klare politische Marschrichtung gab, die Unternehmen gezwungen hat, kreativ zu werden. Hätten wir nur auf den Markt gewartet, würden wir heute noch über den Diesel der Zukunft reden. Fortschritt braucht Druck. Sonst gibt es keinen.
»Nicht jeder ist ein Automobilkonzern!«
(Sebastian Engelskirchen)
Schönes Beispiel – aber mittelständische Unternehmen sind kein VW-Konzern mit Milliarden in der Kasse. Es gibt viele kleine Unternehmen, die auf der Kippe stehen. Und wenn wir das übertreiben, stehen sie irgendwann gar nicht mehr. Das ist keine Angst vor Veränderung, das ist wirtschaftliche Realität. Der CO₂-Preis hat bisher nichts an den Emissionen geändert – er hat nur vieles teurer gemacht. Leute fliegen trotzdem, fahren trotzdem Auto, weil sie es teilweise müssen. Klimaschutz kann nicht nur über den Preis funktionieren, sondern muss sozialverträglich gestaltet sein. Wir brauchen Anreize, nicht nur Bestrafung!
Klimaschutz muss tragbar bleiben. Und tragbar heißt nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Bürger. Nicht jeder kann sich ein neues EAuto oder eine Wärmepumpe leisten. Nicht jeder kann mit dem Zug fahren, wenn der doppelt so teuer ist wie ein Flug. Klimaschutz darf nicht dazu führen, dass sich nur noch Reiche Nachhaltigkeit leisten können. Sonst bekommen wir einen gesellschaftlichen Rückschlag, der uns am Ende noch weiter zurückwirft.
Und jetzt? Wie scharf wollen wir bremsen?
Am Ende ist klar: Wir müssen den Zug abbremsen, um gut um die Kurve zu kommen – aber wie scharf? Eine Vollbremsung kann chaotisch enden, eine zu sanfte Bremse erhöht die Fliehkräfte in der anstehenden Kurve. Was wir brauchen, ist ein gut dosierter Bremsvorgang: klare Klimaziele, aber mit flexiblen Anpassungen, wenn es zu sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen kommt. Wer nur mit der Angst vor Veränderungen argumentiert, blockiert Fortschritt. Wer nur mit maximalem Tempo fährt, riskiert Abwanderung, Frust und unverträgliche Strukturbrüche.
Die Transformation muss kommen. Die Frage ist: Gestalten wir sie schlau und pragmatisch? Oder stolpern wir von einer Krise in die nächste? Die Antwort liegt irgendwo zwischen den beiden Positionen. Und die Politik? Die sollte endlich aufhören, den Fahrplan ständig umzuschreiben. Sonst entgleist der Zug am Ende wirklich.















