Innovationen brauchen Infrastruktur. Sie entstehen dort, wo Raum für Experimente, Begegnung und Wachstum vorhanden ist. Technologie- und Gründerzentren (TGZ) sind solche Orte. In vielen Regionen Deutschlands sind sie seit Jahrzehnten Teil der Innovationslandschaft, oft wenig sichtbar, aber wirkungsvoll. Doch diese Strukturen drohen zu erodieren – nicht aus Mangel an Ideen, sondern aus Mangel an Investitionen.
Das unterschätzte Fundament
TGZ sind keine Leuchtturmprojekte mit Hochglanzfassade, sondern belastbare Grundlagen: Sie bieten spezialisierte Infrastruktur für forschungsnahe Gründungen, Beratung, Zugang zu Netzwerken und Raum für Wachstum. Insbesondere im DeepTech-Bereich, in dem physische Ressourcen wie Labore, Technika oder Reinräume entscheidend sind, bilden sie eine tragende Säule. Viele dieser Zentren haben seit den 1990er Jahren dazu beigetragen, Unternehmensgründungen und Technologietransfer regional zu verankern.
Trotz ihrer Relevanz geraten sie im aktuellen Innovationsdiskurs oft ins Hintertreffen. Während neue Innovationsformate Aufmerksamkeit und Mittel erhalten, bleibt die Bestandsinfrastruktur auf sich allein gestellt. Sichtbar ist oft nur der äußere Zustand – weniger die Kompetenz, Netzwerke und Erfahrung, die in den Zentren gewachsen sind. Der Wert dieser langjährig aufgebauten Strukturen liegt vor allem in ihrer Kontinuität, Verlässlichkeit und ihrer Nähe zu den jeweiligen regionalen Bedarfen.
Die Förderlogik als Investitionsbremse
Ein wesentliches Problem liegt in der Förderstruktur vergangener Jahrzehnte. Viele TGZ wurden mit EFRE-Mitteln aufgebaut und unterliegen bis heute Zweckbindungen von 15 bis 25 Jahren. Gewinne dürfen nicht erzielt werden, sonst drohen anteilige Rückzahlungen der Förderung. Das verhindert den Aufbau von Rücklagen, blockiert Sanierungspläne und erschwert langfristige Investitionen. Gleichzeitig ist eine wirtschaftliche Betriebsführung kaum möglich, wenn Mietpreise gedeckelt sind und erwirtschaftete Überschüsse negativ bewertet werden.
Zudem ist der Zugang zu neuen Programmen häufig eingeschränkt: Viele Förderlinien richten sich ausschließlich an kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Zentren mit kommunalen Gesellschaftern gelten häufig nicht als förderfähig. Gleichzeitig müssen viele TGZ Kredite über ihre öffentlichen Träger beantragen – was durch politische Prioritäten oder Haushaltsengpässe ausgebremst wird. Die Folge: dringende Investitionen bleiben aus, Sanierungen werden verschoben, dringend benötigte Flächenerweiterungen unterbleiben.
Dabei ist gerade die Investitionsfähigkeit in eine moderne, nachhaltige Infrastruktur essenziell: Gründer und Gründerinnen sowie technologieorientierte Unternehmen erwarten heute nicht nur funktionale Flächen, sondern eine Umgebung, die Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Zugang zu Knowhow und flexible Entwicklungsmöglichkeiten verbindet.
Infrastruktur statt Inszenierung
Der politische Blick auf Innovationsförderung ist oft projektgetrieben. Neubauten, Reallabore oder Clusterinitiativen erhalten Aufmerksamkeit – auch, weil sie sichtbarer sind. Doch funktionierende Infrastrukturen wie TGZ geraten dabei aus dem Fokus. Ihre Leistung ist schwerer zu vermarkten, aber für die Innovationsfähigkeit vieler Regionen unverzichtbar.
Auch wirtschaftlich ist der Erhalt bestehender Strukturen sinnvoller: Während viele neue Einrichtungen hohe Anlaufkosten, kurzfristige Projekte oder begrenzte Zielgruppen mitbringen, sind Bestandszentren bereits fest im regionalen Ökosystem verankert. Sie haben über Jahre Kontakte, Vertrauen und Know-how aufgebaut – und damit einen Standortvorteil geschaffen, der nicht einfach replizierbar ist.
Ein weiterer Aspekt: Die zunehmende Überlagerung durch andere Förderkulissen, etwa für universitäre Innovationsräume, führt in der Praxis nicht selten zu parallelen Strukturen mit ähnlichem Anspruch, aber unterschiedlicher Zielrichtung. In der Folge drohen Ressourcenverlagerung, Doppelstrukturen und Fragmentierung.
Der Mittelstand als Zielgruppe
Besonders für mittelständische Unternehmen sind TGZ wichtige Partner: Sie bieten Zugang zu Start-ups, unterstützen beim Technologietransfer und helfen, Innovationsrisiken abzufedern. In ländlichen Räumen oder strukturschwächeren Regionen sind sie oft der einzige Ort, an dem technologieorientierte Gründungen überhaupt möglich sind. Wer vom »Mittelstand von morgen« spricht, muss heute in die Orte investieren, die diesen Mittelstand unterstützen.
Dabei geht es nicht nur um Büroflächen, sondern um hochspezialisierte Angebote – Labore, Werkstätten, Testumgebungen. Diese lassen sich privat kaum rentabel betreiben und sind in der Breite nur durch öffentliche Träger sicherzustellen. Ohne entsprechende Investitionen droht der Verlust dieser wichtigen Infrastruktur.
TGZ arbeiten dabei zunehmend an der Schnittstelle von Start-up-Szene, Mittelstand und Hochschulen. Sie bieten Räume für Kooperationen, Matchmaking, Pilotprojekte und Wissenstransfer – Leistungen, die für die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands im globalen Innovationswettbewerb an Bedeutung gewinnen.
Was jetzt zu tun ist
Ein »German Innovation Infrastructure Program« (GIIP) könnte hier gezielt ansetzen. Als bundesweites Förderinstrument sollte es Ländern, Kommunen und Trägern ermöglichen, in bestehende Zentren zu investieren. Ein solches Programm würde nicht nur bauliche Modernisierungen ermöglichen, sondern auch die Zukunftsfähigkeit der Zentren insgesamt stärken: durch Energieeffizienz, Barrierefreiheit, bessere Vernetzung und neue Nutzungskonzepte. Auch die Digitalisierung von Verwaltungsprozessen und Mietmanagement könnte unterstützt werden – ebenso wie neue Geschäftsmodelle zur langfristigen Finanzierung.
Die Ausgestaltung des Programms sollte flexibel und unbürokratisch erfolgen. Es braucht Anreize zur Modernisierung, gekoppelt mit Qualitätsstandards, aber ohne die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit einzuschränken.
Das Programm sollte auch ermöglichen, dass Zentren selbst agieren können, unabhängig von komplexen kommunalen Haushaltslogiken. Denkbar sind zinsgünstige Darlehen, Zuschüsse oder Mischformen, je nach Trägerstruktur. Auch eine Anbindung an bestehende Programme der KfW oder Landesbanken wäre sinnvoll, um bestehende Infrastrukturen gezielt zu stärken.
Fazit: Die Infrastrukturwende braucht Bestand
Innovationspolitik darf nicht bei der Neugründung stehen bleiben. Sie muss den Blick auf das richten, was bereits da ist – und funktioniert. TGZ sind Teil einer oft unterschätzten, aber zentralen Innovationsinfrastruktur. Wer sie jetzt ertüchtigt, schafft nicht nur bessere Bedingungen für Start-ups, sondern investiert in ein stabiles Fundament für den Mittelstand von morgen. Eine strategische Infrastrukturpolitik, die bestehende Zentren einbezieht, wäre ein kraftvolles Signal für Kontinuität, Nachhaltigkeit und echte Innovationsfähigkeit im Standort Deutschland.
Wer heute über Innovationswettbewerb spricht, muss über die Räume sprechen, in denen Innovation tatsächlich geschieht. TGZ sind solche Räume – sie sind Infrastruktur, nicht Inszenierung. Und genau deshalb verdienen sie jetzt eine infrastrukturelle und politische Priorität.













